Was können Meinungsforscher wissen und was nicht

Posted by Erich Neuwirth on 14. April 2016 in Allgemein |

Gestern ist im ORF und auf Twitter etwas passiert, was es so vorher noch nie gegeben hat.

Frau Dr.$^\textsf{in}$ Eva Zeglovits hat folgendes geschrieben

ich hab soviele unentschlossene in den Daten, dass ich mich gar nix sagen trau

Im ORF (ZiB2 13.4.2016) konnte man folgendes sehen

BPWerWeiss

und hören

Und wie weit sind die persönlichen Wahlentscheidungen der Österreicherinnen und Österreicher bereits gefallen? 58 Prozent sind sich laut GM Austria-Umfrage schon sicher, wen sie wählen werden, 19 Prozent haben eine „gewisse Neigung“ und 20 Prozent sind noch völlig unsicher.

Diese Aussage beruht auf einer Umfrage von GfK Austria mit 500 Befragten.

In einer anderen Umfrage (durchgeführt von IFES, 900 Befragte) wurde auch erhoben, ob die Wähler glauben, dass das Wahlergebnis jetzt schon feststünde:

BPWahlgewinnerFfrage

Bei diesen beiden Umfragen ist die Summe der ausgewiesenen Prozentsätze weniger als 100%, es ist also erkennbar, dass nicht alle Befragten eine auswertbare Antwort gegeben haben.

Einen völlig anderen Umgang mit Umfragedaten findet man in einer Tageszeitung:

BPUmfrageOE24

Diese Umfrage beruht auf eine Stichprobe von 400 Befragten. Selbst wenn das eine saubere Zufallsstichprobe wäre und alle Befragten eine Wahlentscheidung angegeben hätten, betrüge die Schwankungsbreite für die (in der Umfrage vorne liegenden Kandidaten) etwa 4,5%.

Bei der Unsicherheit, die die Umfragen von IFES und GfK Austria zeigen, Umfragedaten ohne den geringsten Hinweis auf statistische Unschärfen und Schwankungsbreiten darzustellen zeigt von einem sehr grundlegenden Missverständnis davon, was statistische Methoden und insbesondere Umfragen, die auf Stichproben beruhen, leisten können.

Es ist ungemein erfreulich, dass der ORF bei dieser Wahl so klar berichtet, dass man aus den Umfragen kaum Prognosen für den Wahlausgang ableiten kann.

Und es ist ebenfalls ungemein erfreulich, dass eine ausgebildete Statistikerin (Frau Dr.$^\textsf{in}$ Eva Zeglovits) die Grenzen der statistischen Methodik dermaßen offen und klar thematisiert.

Sie liefert damit eine wunderbare Illustration der Aussage des bedeutenden Statistikers William Kruskal

Statistics is the art of stating in very precise terms what one does not know

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