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PISA, Bildung und Bildungsstandards

Posted by Erich Neuwirth on 16. März 2014 in Allgemein, Bildungsevaluation national und international |

PISA 2015 wird also in Österreich abgesagt.

Manche sind froh darüber, manche nicht.

Die Gegner standardisierter Tests (und dazu gehören viele AHS-Lehrer_innen) meinen immer, dass man sich bei standardisierten Tests nach unten orientieren muss und daher ein allgemeiner Niveauverlust die Folge ist. Aus der Sicht der einzelnen Lehrer_innen kann das durchaus richtig sein. Man kann als guter Lehrer einige Fragen, die einem persönlich sehr am Herzen liegen, vertiefend behandeln und dann auch entsprechend schwerere Prüfungsfragen stellen.

Das funktioniert aber nur, weil Lehrer und Prüfer die selbe Person sind. Und es führt dazu, dass das, was als höheres Niveau angesehen wird, von Schule zu Schule sehr verschieden sein kann.

Das, was an allen Schulen als unbedingt zu erreichender Mindeststandard über alle Gebiete und Themen hinweg angesehen wird, ist auch heute schon von Schule zu Schule sehr verschieden.

Als Universitätslehrer merke ich das ganz deutlich. Ich kann kaum einen Inhalt oder eine Fertigkeit, die eigentlich im AHS-Lehrplan als verbindlich niedergeschrieben ist, bei allen meinen Studierenden voraussetzen.

Auch wenn etwas im Lehrplan steht und sogar vielleicht unterrichtet wird, kann Lehrer_in Gebiete, bei denen es mit der Vermittlung nicht ganz so klappt, bei der Prüfung weglassen und daher fallen dann Mängel bei der Abdeckung mancher Inhalte nicht auf.

Die Testkultur wie bei PISA und bei der Zentralmatura führt dazu, dass sich das Bildungssystem daran gewöhnt, dass die Überprüfung der Fähigkeiten nicht von den Vermittlern selbst, sondern von externen Institutionen gesteuert wird.

Das ist natürlich ein Eingriff in die Autonomie der einzelnen Schulen. Und eine Einschränkung der Autonomie der Lehrer_innen bei der Schwerpunktsetzung.

Die große Gefahr bei standardisierten Tests ist natürlich, dass der Unterricht sich nahezu ausschließlich an den standardisierten Tests orientiert. Das muss aber nicht sein. Denkbar ist, dass die verbindlichen standardisierten Lernziele und Kompetenzen so festgelegt werden, dass sie in etwas weniger als 50% der Unterrichtszeit ausreichend vermittelt werden können. Dann bleibt immer noch mehr als die Hälfte der Zeit für vertiefenden standortspezifische Inhalte!

Dass wir zwar eine Zentralmatura haben, die Beurteilung der zentral vorgegebenen Prüfung dann aber doch vor allem durch die Lehrer geschieht, die die Schüler auf die Prüfung vorbereitet haben, läuft übrigens dem Ziel der Standardisierung und Vergleichbarkeit zuwider. Ohne besonderen Mehraufwand für die Lehrer_innen könne man ihnen ja auch die Prüfungsarbeiten aus anderen Schulen „zuteilen“.

Über die starken „Kompetenzschwankungen“ von Studierenden kann ich einiges an Erfahrung beisteuern.

Ich halte unter anderem Lehrveranstaltungen zur Fachdidaktik der Informatik für Lehramtskandidaten an der Universität Wien. Alle Lehramtskandidaten brauchen ja noch ein zweites Unterrichtsfach. Und da ist der Strauß bei meinen Informatik-Studierenden besonders breit gefächert. Bei meinen Studierenden findet man als „das andere Fach“ so ziemliche alles denkbare: Mathematik, Physik, Chemie, Sport, Geschichte, Germanistik, Anglistik, Französisch, Religion, Geografie, Musik, …

Informatik kann man nicht ganz ohne mathematisches Grundwissen betreiben. Zum didaktischen Umgehen mit Computergrafik braucht man elementares Grundwissen über Winkelfunktionen. Das ist Stoff des AHS-Lehrplans der 9. Schulstufe. Es gibt jedes Jahr einige Studierende, denen ich diese Grundbegriffe in einem Schnellsiederkurs nahebringen muss. Da wäre ein Bildungsstandard, bei dem ich davon ausgehen kann, dass alle Studierenden in meinen Lehrveranstaltungen darüber Bescheid wissen, schon sehr recht. Und ich meine auch, dass Winkelfunktionen ein Teil der Allgemeinbildung sind, und dass daher meine Studierenden mit österreichischer Matura, die ja die allgemeine Studierfähigkeit bescheinigen soll, darüber Bescheid wissen sollte. Und zwar alle, nicht nur die mit einem Zweitfach Mathematik oder mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Informatik-Lehramts-Studenten sollten das als Teil ihrer Allgemeinbildung wissen. Zu viele wissen es aber nicht.

Wenn jeder Maturant bei der Matura damit rechnen muss, dass alles, was im verbindlichen Katalog steht, auch tatsächlich zur Prüfung kommen kann, dann besteht eine Chance, dass mehr Studierende als bisher darüber Bescheid wissen.

PISA-Absage und die Folgen

Bei PISA einmal nicht mitzutun hat auch einige vielleicht nicht ausreichend bedachte Auswirkungen.

PISA läuft in einem Dreierzyklus ab.

Bei jedem Test ist eines der 3 Gebiete Lesen – Mathematik – Naturwissenschaften Schwerpunktgebiet. 2015 sind die Naturwissenschaften das Schwerpunktgebiet. Da wird der Aufgabenkatalog für Naturwissenschaften neu erarbeitet. Dazu dienen auch die jetzt abgesagten Vortests. Die Ergebnisse der Vortests der einzelnen Länder helfen dabei, den Test international vergleichbar zu gestalten. In den beiden folgenden Testzyklen (2018 und 2021) werden dann einfach Aufgaben von 2015 weiterverwendet. Wenn wir also 2015 nicht teilnehmen, dann ist der Naturwissenschaftstest für 2018 und 2021 auch nicht unter Einbeziehung Österreichs geeicht und kann daher auch nicht die selbe Aussagekraft wir für andere Länder haben.

Außerdem erscheint es mir peinlich, wenn Österreich als erstes OECD-Mitgliedsland aus dem Test aussteigt. Zu unserem internationalen Ansehen wird das nicht beitragen.

Bildungsstandards und Zentralmatura für ein Jahr auszusetzen ist zwar unerfreulich und im Falle der Zentralmatura für die betroffenen Schüler wohl auch eine Zumutung.

Aber bei PISA 2015 auszusteigen hat negative Folgewirkungen, die wir erst 2024 wieder bereinigen können. Bis dahin sind unsere PISA-Werte nicht unter den selben Bedingungen erhoben wie die der anderen teilnehmenden OECD-Mitgliedsländer.

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3 Comments

  • Robin Gleeson sagt:

    Ich bin eh ganz bei Ihnen, spiele aber trotzdem mal den Advocatus Diaboli:

    „Denkbar ist, dass die verbindlichen standardisierten Lernziele und Kompetenzen so festgelegt werden, dass sie in etwas weniger als 50% der Unterrichtszeit ausreichend vermittelt werden können.“

    Selbst wenn wir das so festlegen (wird derzeit ja auch ungefähr so gemacht), lässt sich die Kritik des teaching to the test nicht beiseite wischen: Wenn der Großteil der SchülerInnen die standardisierten Lernziele in 50% der Unterrichtszeit erreicht hat, dann würden sie von einem noch größeren Teil der SchülerInnen erreicht werden, falls man 60% der Unterrichtszeit investiert. Das Argument lässt sich fortsetzen, denn es gibt ja immer einen Sockel an (zu) leistungsschwachen SchülerInnen, die die ihnen zugemuteten Lernziele trotz allem noch nicht erreicht haben.

    Ich halte die von Ihnen vorgeschlagene Variante durchaus für die vernünftigste Lösung, aber mit der nicht ganz unberechtigten Kritk an einer möglichen Einengung des Unterrichts werden wir wohl leben müssen. Oder sehen Sie das anders?

    • Ich seh natürlich die Gefahr auch, aber die ist nicht spezifisch für PISA, sondern sogar für Schularbeiten. Es geht um eine Balance zwischen allgemein verbindlich definierten Basiskenntnissen und lokal verschieden implementierten weiteren interessanten Themen. Und natürlich ist ganz wichtig, dass die Eltern der Schüler verstehen, dass das gute Abschneiden beim Test nicht das alleinige Ziel des Unterrichts sein darf.

      • Robin Gleeson sagt:

        Da sind wir wohl beim Kern des Problems angelangt: Bei der Interpretation der Testergebnisse, die gerade aufgrund der schlampigen Medienberichterstattung zuviel Spielraum lässt. Dann kommt von politischer Seite noch der Bias je nach bildungspolitischer Agenda dazu, und fertig ist das PISA-Chaos.

        Dass Schularbeiten ebenso am „teaching to the test“ kranken können, sehe ich aber nicht. Entscheidend ist hier ja die externe, objektive Überprüfung der SchülerInnen (und damit implizit auch der Lehrperson). Wenn die Lehrperson die Schularbeit hingegen selbst zusammenstellt und auswertet, wäre da schon eher vom „testing to the teachings“ zu sprechen.. 🙂

        Aber ja, in erster Linie ist wohl darauf zu achten, dass PISA in der Öffentlichkeit bzw. von den Betroffenen nicht missverstanden oder (bewusst) fehlinterpretiert wird.

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