{"id":920,"date":"2013-05-16T10:16:27","date_gmt":"2013-05-16T08:16:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=920"},"modified":"2014-06-04T11:12:46","modified_gmt":"2014-06-04T09:12:46","slug":"okonomische-wahrheiten-wissenschaftliche-forschung-und-excel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2013\/05\/16\/okonomische-wahrheiten-wissenschaftliche-forschung-und-excel\/","title":{"rendered":"\u00d6konomische Wahrheiten, Wissenschaftliche Forschung und Excel"},"content":{"rendered":"<p>Einr leicht gek\u00fcrzte Fassung dieses Artikels ist am 20. Juli 2013 in der<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/oesterreich\/politik\/562967_Was-die-Politik-mit-Zahlen-aus-Forschung-und-Statistik-anstellt.html\" title=\"Wiener Zeitung\">Wiener Zeitung<\/a> erschienen<\/p>\n<p>Kenneth Rogoff ist Professor f\u00fcr \u00d6konomie an der Harvard University und in der ganzen Welt anerkannt. Dort ist auch Carmen Reinhart Professorin. Die beiden haben 2009 und 2010 in mehreren Publikationen festgestellt, dass eine Staatsschuldenquote von mehr als 90% (gemessen am BIP) sich sehr negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Wenn Autorit\u00e4ten dieses Kalibers so etwas behaupten, dann wird das nat\u00fcrlich oft in dem Medien zitiert und viele Politiker verwenden diese wissenschaftliche Erkenntnis als Rechtfertigung f\u00fcr ihre Forderungen nach mehr Sparanstrengungen zur Eind\u00e4mmung der Staatsverschuldung.  <\/p>\n<p>Ein Wesenszug der Wissenschaft ist es, dass man publizierte Ergebnisse und Behauptungen sehr kritisch \u00fcberpr\u00fcft. Deshalb haben Kollegen der beiden versucht, die Analyse nachzuvollziehen. Das ist lange Zeit hindurch nicht gelungen. Es war nicht ganz klar, welche Daten da eigentlich verwendet wurden, und es war auch nicht ganz klar, welche Berechnungen zum Ergebnis gef\u00fchrt haben. <\/p>\n<p>Seit einigen Tagen gibt es jetzt einen neuen Bericht der drei Wissenschafter Thomas Herndon, Michael Ash, and Robert Pollin von der University of Massachusetts, Amherst. Sie haben die Daten von Rogoff und Reinhart bekommen und versucht, die Analyse der beiden nachzuvollziehen. Dabei stie\u00dfen sie auf drei Probleme. Erstens: Die Ausgangsdaten von Reinhart und Rogoff stammen aus 20 L\u00e4ndern und betreffen die Jahre 1946-2009. Allerdings wurden manche Jahre aus manchen L\u00e4ndern nicht in die Berechnungen einbezogen, und es gibt keine schl\u00fcssige Begr\u00fcndung, warum diese Daten  aus der Analyse ausgeschlossen wurden. Zweitens: Die Analysen werden nicht mit den verf\u00fcgbaren Einzeldaten gerechnet, sondern die Daten wurden in Gruppen zusammengefasst und innerhalb Gruppen pro Land Mittelwerte errechnet. In der Analyse werden dann nur die Mittelwerte verwendet. Problematisch dabei ist, dass die Anzahl der Werte pro Land in den Gruppen verschieden gross ist und daher bei der Mittelwertsbildung die einzelnen Daten sehr verschieden gewichtet werden. Drittens: bei der Berechnung in Excel wurde eine falsche Formel verwendet. Die Daten aus 5 der 20 L\u00e4nder wurden durch diesen Formelfehler aus den endg\u00fcltigen Berechnungen ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die drei Wissenschafter aus Amherst haben zun\u00e4chst mit etwas M\u00fche diese drei Probleme identifiziert und dann alle Berechnungen noch einmal durchgef\u00fchrt. Dabei blieb das politisch so bedeutsame Ergebnis von Reinhart-Rogoff auf der Strecke, die Wachstumsrate der untersuchten Volkswirtschaften ist auch bei einer Verschuldungsrate von \u00fcber 90% nicht dramatisch niedriger als bei einer geringeren Verschuldungsrate. In beiden Analysen wurden die Daten in 4 Gruppen eingeteilt:<\/p>\n<ul>\n<li>Jahre mit h\u00f6chstens 30%, <\/li>\n<li>zwischen 30% und 60%, <\/li>\n<li>zwischen 60% und 90% und <\/li>\n<li>mehr als 90% Verschuldung. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Die BIP-\u00c4nderungsraten aller L\u00e4nder wurden f\u00fcr die in diese Gruppen fallenden Jahre jeweils gemittelt. Ein Vergleich der ursp\u00fcnglichen Ergebnisse von Reinhart-Rogoff und der von Herndon-Ash-Pollin korrigierten Ergebnisse sieht so aus:<\/p>\n\n<table id=\"tablepress-13\" class=\"tablepress tablepress-id-13\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1\">\n\t<th class=\"column-1\">&nbsp;<\/th><th class=\"column-2\">0%-30%<\/th><th class=\"column-3\">30%-60%<\/th><th class=\"column-4\">60%-90%<\/th><th class=\"column-5\">90+%<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr class=\"row-2\">\n\t<td class=\"column-1\">Reinhart-Rogoff<\/td><td class=\"column-2\">4,1%<\/td><td class=\"column-3\">2,8%<\/td><td class=\"column-4\">2,8%<\/td><td class=\"column-5\">-0,1%<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3\">\n\t<td class=\"column-1\">Herndon-Ash-Pollin<\/td><td class=\"column-2\">4,2%<\/td><td class=\"column-3\">3,1%<\/td><td class=\"column-4\">3,2%<\/td><td class=\"column-5\">2,2%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-13 from cache -->\n<p>Es gibt also schon die Grundtendenz, dass das Wachstum mit zunehmender Verschuldung geringer wird, aber die plakative Feststellung, dass es ab 90% Verschuldung dramatische Einbr\u00fcche beim Wachstum, ja sogar Schrumpfen gibt, ist wohl nicht haltbar.<\/p>\n<p>Warum hat niemand das fr\u00fcher entdeckt? Weil es in der Wissenschaft noch nicht allgemein \u00fcblich ist, bei publizierten Ergebnissen daf\u00fcr zu sorgen, dass Interessierte die Analyse so vollst\u00e4ndig wie m\u00f6glich nachvollziehen und \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen. Man muss kein promovierter Volkswirt sein, um die Schwachstellen in den behaupteten Ergebnissen zu finden, die notwendigen mathematischen Kenntnisse gehen \u00fcber die Grundrechnungsarten nicht hinaus. Man braucht allerdings die Originaldaten, oder zumindest eine Beschreibung, die genau genug ist, genau diese Originaldaten selbst am Internet zu finden. Dabei w\u00e4re es ganz einfach gewesen. Die gesamten Ausgangsdaten samt Analyse sind eine eher kleine Excel-Datei. Die h\u00e4tten die Autoren einfach ins Internet stellen und auf ihrer Website verlinken k\u00f6nnen, und schon w\u00e4re Forschung insgesamt wieder ein St\u00fcckchen transparenter geworden.<\/p>\n<p>In der universit\u00e4ren und forschungsorientierten Statistik gibt es seit einigen Jahren das Thema &#8222;Reproducible Research&#8220;. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um die Entwicklung von Software, die es erm\u00f6glicht, Daten und Analysen gemeinsam so zur Verf\u00fcgung zu stellen, dass weiteren Forschern (oder auch anderen Interessierten) das Nachvollziehen und \u00dcberpr\u00fcfen m\u00f6glichst einfach gemacht wird. Eines der ersten Werkzeuge dieser Art wurde \u00fcbrigens von einem \u00f6sterreichischen Wissenschafter, <a href=\"https:\/\/forschung.boku.ac.at\/fis\/suchen.person_uebersicht?sprache_in=de&#038;menue_id_in=101&#038;id_in=111563\">Friedrich Leisch<\/a>, jetzt an der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur, entwickelt und ist international in Fachkreisen sehr bekannt.<\/p>\n<p>Wie wichtig die \u00dcberpr\u00fcfung von Forschungsergebnissen ist zeigt auch ein Beispiel aus der Medizin. Anil Potti, Mediziner an der Duke University, publizierte als sensationell eingestufte Ergebnisse, mit denen man, wenn sie stimmen, f\u00fcr einzelne Patienten massgeschneiderte Therapien f\u00fcr bestimmte Krebsformen entwickeln k\u00f6nnte. Als andere Forscher versuchten, die Ergebnisse zu reproduzieren, scheiterten sie. Die Daten der Pottischen Untersuchungen standen zun\u00e4chst nicht komplett zur Verf\u00fcgung. Aber selbst in den verf\u00fcgbaren Teilen der Daten liessen sich (mit relativ gro\u00dfer M\u00fche und statistischer Detektivarbeit) Inkonsistenzen und ziemlich schwere Fehler nachweisen. Als diese Kritik in einer statistischen  und nicht in einer medizinischen Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht wurde, wurden einige der medizinischen Arbeiten zur\u00fcckgezogen und Anil Potti wurde von der Universit\u00e4t entlassen. Die publizierten Ergebnisse waren einfach nicht haltbar.<\/p>\n<p>Auch in \u00d6sterreich hatten wir ein Problem mit unvollst\u00e4ndig publizierten Daten.<br \/>\nAls die Ergebnisse von PISA 2003 bekanntgegeben wurden war in der gesamten Medienlandschaft von einem Absturz die Rede. Im Nachhinein hat sich dann herausgestellt, dass es bei PISA 2000 eine systematische Verzerrung der \u00f6sterreichischen Ergebnisse durch falsche Gewichtung der Untergruppen Schultyp und Geschecht gegeben hatte. PISA publiziert sehr viele Daten, aber es war mit den ver\u00f6ffentlichten Daten alleine nicht m\u00f6glich, den Fehler zu entdecken und zu korrigieren, weil die Information \u00fcber den Schultyp in diesen Daten &#8222;geschw\u00e4rzt&#8220; war. Auch hier war ein vergleichsweise aufw\u00e4ndiger Prozess notwendig, um Zugang zu diesen Daten zu bekommen und die Fehler und ihre Ursachen so genau zu identifizieren, dass eine Korrektur m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>In allen drei F\u00e4llen waren die behandelten Forschungsfragen von gro\u00dfem \u00f6ffentlichen Interesse. W\u00e4ren die Ergebnisse richtig gewesen, dann h\u00e4tten sie entweder zu weitreichenden politischen Folgerungen oder zu einigermassen dramatischen medizinischen Fortschritten f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In allen drei F\u00e4llen war es f\u00fcr andere Forscher zun\u00e4chst immens schwierig, die Ergebnisse zu \u00fcberpr\u00fcfen oder gar zu korrigieren. Man sollte daher in Zukunft bei Forschungsergbnissen von grosser Tragweite immer zwei Fragen stellen: Wer hat das \u00fcberpr\u00fcft und welches Material stand dabei zur Verf\u00fcgung? Und besser noch: Kann ich die Daten bekommen, damit ich mich selbst davon \u00fcberzeugen kann, dass das, was da gesagt wird, auch stimmt?<\/p>\n<p>Zum <a href=\"http:\/\/www.peri.umass.edu\/fileadmin\/pdf\/working_papers\/working_papers_301-350\/WP322.pdf\" title=\"Herndon-Ash-Pollin paper\">Artikel von Herndon-Ash-Pollin<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Anil_Potti\">Wikipedia-Eintrag zu Anil Potti<\/a> <\/p>\n<p>Probleme bei <a href=\"http:\/\/www.bmukk.gv.at\/schulen\/sb\/pisa_korrekturen.xml\">PISA 2000 und 2003 in \u00d6sterreich<\/a><\/p>\n<div class=\"tweet_button122\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2013\/05\/16\/okonomische-wahrheiten-wissenschaftliche-forschung-und-excel\/\" data-text=\"\u00d6konomische Wahrheiten, Wissenschaftliche Forschung und Excel - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einr leicht gek\u00fcrzte Fassung dieses Artikels ist am 20. 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