{"id":590,"date":"2012-04-16T12:45:10","date_gmt":"2012-04-16T10:45:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=590"},"modified":"2012-04-16T12:45:10","modified_gmt":"2012-04-16T10:45:10","slug":"weltklasse-uni-wo-bist-du-geblieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2012\/04\/16\/weltklasse-uni-wo-bist-du-geblieben\/","title":{"rendered":"Weltklasse-Uni, wo bist du geblieben?"},"content":{"rendered":"<p>(Langfassung eines <a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/meinungen\/gastkommentare\/446658_Weltklasse-Uni-wo-bist-du-geblieben.html\">Artikels aus der Wiener Zeitung<\/a>) <\/p>\n<p>Vor wenigen Tagen konnte man es in der Presse lesen:<br \/>\nJetzt ist auch die letzte \u00f6sterreichische Universit\u00e4t aus der Liste der weltweit besten 100 Universit\u00e4ten hinausgeflogen (Ranking des Times Higher Education Supplement). Voriges Jahr war die Universit\u00e4t Wien noch zwischen 91 und 100 angesiedelt (genauer werden die R\u00e4nge in diesem Bereich nicht ausgewiesen). Spitzenpl\u00e4tze belegen Universit\u00e4ten wie Harvard, MIT, Cambridge, Stanford und Berkeley. Was haben diese Spitzenunis gemeinsam? Erstens einmal dass es unter den 10 bestgereihten nur eine einzige gibt, die nicht in den USA oder England angesiedelt ist, n\u00e4mlich Tokio auf Platz 8. Und zweitens, dass sich alle diese Universit\u00e4ten ihre Studierenden aussuchen d\u00fcrfen. Man bewirbt sich um einen Studienplatz und wird dann zugelassen oder auch nicht. Typischerweise werden an amerikanischen Spitzenunis 10% der Bewerber (oder sogar weniger) aufgenommen. Das waren beispielsweise an der Stanford University im Wintersemester 2011\/2012 1.700 Studierende (in allen F\u00e4chern zusammen) und an der Universit\u00e4t Berkeley (einer f\u00fcr US-Verh\u00e4ltnisse gro\u00dfen Universit\u00e4t) knapp 4.000 Studierende. Die Universit\u00e4t Wien hatte im selben Semester knapp 18.000 Studienanf\u00e4nger, das sind fast 25% eines Geburtsjahrgangs. Davon haben ca. 650 ein Publizistik- und 480 ein Psychologie-Studium begonnen. Nimmt man als grobe Sch\u00e4tzung an, dass die 15 amerikanischen Spitzenunis etwa 40.000 Studienanf\u00e4nger aufnehmen, dann sind das bei einer Geburtsjahrgangsgr\u00f6\u00dfe von etwa 4 Millionen 1% eines Geburtsjahrgangs. Wenn eine \u00f6sterreichische Spitzenuni mit derselben Selektionsrate ausw\u00e4hlen d\u00fcrfte, dann w\u00fcrde sie pro Jahr ca. 800 Studienanf\u00e4nger (\u00fcber alle Studienrichtungen hinweg) aufnehmen.  Was hat das mit dem internationalen Ansehen einer Universit\u00e4t und der Platzierung in Rankings zu tun? Das Times-Ranking beruht ja auf einer Befragung von Wissenschaftern, h\u00e4ngt also stark von der Sichtbarkeit der wissenschaftlichen Leistungen einer Universit\u00e4t ab. Das muss mit der Studierendenzahl ja nicht direkt zusammenh\u00e4ngen. Warum es da einen Zusammenhang gibt m\u00f6chte ich mit einer kleinen Geschichte illustrieren. <\/p>\n<p>Vor einigen Jahren war ich zu einem Vortrag am MIT eingeladen (also wird die Forschungsleistung \u00f6sterreichischer Universit\u00e4ten in den USA durchaus wahrgenommen!). Ich bin dort mit meinen Gastgebern in regul\u00e4re Lehrveranstaltungen f\u00fcr erstsemestrige Studierende mitgegangen und hatte ein Aha-Erlebnis. Man steht dort als Lehrender vor einer Gruppe ungemein intelligenter, wacher, begabter und sachlich kritischer Studierender (schlie\u00dflich geh\u00f6ren die zum besten Prozent eines Jahrgangs). Die merken den kleinsten Fehler, den man macht. Man muss sich in der Vorbereitung der Lehre also wirklich bem\u00fchen, korrekt und pr\u00e4zise und zus\u00e4tzlich auch verst\u00e4ndlich zu sein. Das Problem, wie man auch durchschnittlich begabten Studierenden komplexe wissenschaftliche Sachverhalte verst\u00e4ndlich macht, stellt sich Wissenschaftern an derartigen Spitzenuniversit\u00e4ten nicht. Daher ist die Vorbereitungsarbeit, die man f\u00fcr  die Lehre leisten muss, dem, was man in der eigenen (karriererelevanteren) wissenschaftlichen Arbeit tut, wesentlich n\u00e4her als an einer Universit\u00e4t, wo die didaktische Aufbereitung bekannter Inhalte auch f\u00fcr durchschnittlich Begabte gr\u00f6\u00dferen Aufwand erfordert. Wenn die Herausforderungen der Lehre denen der Forschung \u00e4hnlicher sind, dann ist das ein Vorteil f\u00fcr die eigene Forschungsarbeit. Das tr\u00e4gt auch dazu bei, dass Spitzenunis insgesamt auch bessere Forschungsleistungen erbringen. <\/p>\n<p>Eine Institution wie das ISTA in Klosterneuburg ist im \u00dcbrigen keine vollst\u00e4ndige Antwort auf dieses Problem. Das ISTA ist keine Universit\u00e4t. An einer Universit\u00e4t muss man als Lehrender n\u00e4mlich Studienanf\u00e4ngern die grundlegenden Fragen der eigenen Wissenschaftsdisziplin erl\u00e4utern. Man muss also \u2013 vereinfacht gesagt \u2013 sehr intelligenten Noch-Nicht-Fachleuten die Grundprinzipien des eigenen Faches verst\u00e4ndlich machen. An einem Forschungsinstitut arbeitet man mit Fachleuten zusammen, die die Grundausbildung in einer Wissenschaftsdisziplin bereits hinter sich haben. Sich in Anf\u00e4ngerlehrveranstaltungen den Grundfragen der eigenen Wissenschaft zu stellen ist etwas g\u00e4nzlich anderes als das Untersuchen von speziellen Fragestellungen in gerade aktuellen Teilgebieten der Wissenschaft. Universit\u00e4ten definieren sich \u00fcber die Einheit von Forschung und Lehre, Forschungsinstitute wie das ISTA tun das nicht.<br \/>\nDas hei\u00dft nicht, dass wir in \u00d6sterreich jetzt eine Spitzenuniversit\u00e4t nach dem Vorbild einer amerikanischen Spitzenuniversit\u00e4t fordern oder einrichten sollen.<br \/>\nWir sollten uns aber dar\u00fcber im klaren sein, dass unsere Rahmenbedingungen v\u00f6llig anders und Vergleiche in Rankings daher nur sehr bedingt aussagekr\u00e4ftig sind.<\/p>\n<p>Und noch etwas: Das Jahresbudget der Universit\u00e4t Wien betr\u00e4gt etwa 400 Millionen Euro (bei 90.000 Studierenden). Das Jahresbudget der Universit\u00e4t Stanford betr\u00e4gt etwa 4 Milliarden Dollar (bei 9.000 Studierenden). Pro Student hat die Universit\u00e4t Stanford (bei einem Wechselkurs 1$=0,75\u20ac) also 75x so viel Geld zur Verf\u00fcgung wie die Universit\u00e4t Wien.  <\/p>\n<div class=\"tweet_button97\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2012\/04\/16\/weltklasse-uni-wo-bist-du-geblieben\/\" data-text=\"Weltklasse-Uni, wo bist du geblieben? - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Langfassung eines Artikels aus der Wiener Zeitung) Vor wenigen Tagen konnte man es in der Presse lesen: Jetzt ist auch die letzte \u00f6sterreichische Universit\u00e4t aus der Liste der weltweit besten 100 Universit\u00e4ten hinausgeflogen (Ranking des Times Higher Education Supplement). 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