{"id":415,"date":"2012-02-15T23:00:25","date_gmt":"2012-02-15T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=415"},"modified":"2014-06-04T11:14:35","modified_gmt":"2014-06-04T09:14:35","slug":"wann-gehen-wir-in-pension-und-wie-lange-bleiben-wir-in-pension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2012\/02\/15\/wann-gehen-wir-in-pension-und-wie-lange-bleiben-wir-in-pension\/","title":{"rendered":"Wann gehen wir in Pension und wie lange bleiben wir in Pension"},"content":{"rendered":"<p>Im profil Nr 7\/2012 vom 13. Feber 2010 liest man im Leitartikel <a href=\"http:\/\/www.profil.at\/articles\/1206\/568\/318870\/christian-rainer-das-amen-ministerrat\">Das Amen im Ministerrat<\/a> folgendes:<\/p>\n<blockquote><p>W\u00e4hrend das Pensionsalter in den vergangenen 40 Jahren um durchschnittlich zwei Jahre gesunken ist, stieg die Lebenserwartung im selben Zeitraum um gut zehn Jahre \u2013 macht zw\u00f6lf Jahre Pension, die nun zus\u00e4tzlich finanziert werden m\u00fcssen oder eben nicht.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Club 2 vom 8. Feber 2012, 23:00 sagt zum Zeitpunkt 1:15:43 der Sendung der Diskussionsleiter Peter Rabl<\/p>\n<blockquote><p>Ein Vergleich: 1970 hat ein duchschnittlicher \u00d6sterreicher 41 Jahre im Beruf verbracht<br \/>\nund war 11 Jahre in Pension, 2012 verbringt er derzeit 38 Jahre im Beruf und ist 23 Jahre in Pension.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kein Riesenunterschied, aber doch einer. In beiden F\u00e4llen lautet die Behauptung, dass die Pensionsdauer im Schnitt um 12 Jahre zugenommen hat. Allerdings ist im ersten Fall ein Sechstel des Zuwachses durch fr\u00fchere Pensionsantritte verursacht, im zweiten Fall aber ein Viertel des Zuwachses. Der Unterschied ist immerhin so gross, dass es sich lohnt herauszufinden, was nun wirklich stimmt.<\/p>\n<p>Dazu braucht man Daten, und die sind mit ein wenig M\u00fche im Internet zu finden. Zum Thema Pensionszugangsalter wird man beim Hauptverband der Sozialversicherungstr\u00e4ger f\u00fcndig. Im <a href=\"http:\/\/www.sozialversicherung.at\/mediaDB\/819960_Statistisches%20Handbuch%20der%20oesterreichischen%20Sozialversicherung.pdf\" title=\"Statistisches Handbuch\">Statistischen Handbuch der \u00f6sterreichischen Sozialversicherung<\/a> findet sich in Kapitel 3 auf Seite 7 eine Tabelle mit dem zeitlichen Verlauf des durchschnittlichen Pensionszugangsalters f\u00fcr alle gesetzlichen Pensionsversicherungen (Beamte sind da aufgrund der v\u00f6llig anderen Rechtsgrundlage nicht eingeschlossen).<\/p>\n<div style=\"width:35%; text-align:center;\">\n<table id=\"tablepress-11\" class=\"tablepress tablepress-id-11\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1 odd\">\n\t<th class=\"column-1\">&nbsp;<\/th><th class=\"column-2\">M\u00e4nner<\/th><th class=\"column-3\">Frauen<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr class=\"row-2 even\">\n\t<td class=\"column-1\">1970<\/td><td class=\"column-2\">61.9<\/td><td class=\"column-3\">60.4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3 odd\">\n\t<td class=\"column-1\">2010<\/td><td class=\"column-2\">59.1<\/td><td class=\"column-3\">57.1<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4 even\">\n\t<td class=\"column-1\">\u00c4nderung<\/td><td class=\"column-2\">2.8<\/td><td class=\"column-3\">3.3<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-11 from cache --><\/div>\n<p>Die Durchschnittswerte von M\u00e4nnern und Frauen zeigen, der Pensionsantritt 2010 ziemlich genau um 3 Jahre fr\u00fcher erfolgt als 1970.<\/p>\n<p>Um wieviele Jahre hat die Lebenserwartung zugenommen? Auch daf\u00fcr findet man Daten im Netz, n\u00e4mlich die <a href=\"http:\/\/www.statistik.at\/web_de\/static\/jaehrliche_sterbetafeln_seit_1947_fuer_oesterreich_022707.xlsx\" title=\"Sterbetafeln\">Sterbetafeln von 1947 bis 2010<\/a> bei der <a href=\"http:\/\/www.statistik.at\" title=\"Statistik Austria\">Statistik Austria<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/files\/2012\/02\/Lebenswerwartung19702010.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/files\/2012\/02\/Lebenswerwartung19702010.png\" alt=\"\" title=\"Lebenswerwartung19702010\" width=\"600\" height=\"405\" class=\"aligncenter size-full wp-image-428\" \/><\/a> <\/p>\n<p>Die Werte der Lebenserwartungen f\u00fcr 1970 und 2010 zeigt die folgende Tabelle:<\/p>\n\n<table id=\"tablepress-12\" class=\"tablepress tablepress-id-12\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1 odd\">\n\t<th class=\"column-1\">&nbsp;<\/th><th colspan=\"3\" class=\"column-2\">M\u00e4nner<\/th><th colspan=\"3\" class=\"column-5\">Frauen<\/th><th colspan=\"3\" class=\"column-8\">Gesamt<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr class=\"row-2 even\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\">mit 0<\/td><td class=\"column-3\">mit 20<\/td><td class=\"column-4\">mit 60<\/td><td class=\"column-5\">mit 0<\/td><td class=\"column-6\">mit 20<\/td><td class=\"column-7\">mit 60<\/td><td class=\"column-8\">mit 0<\/td><td class=\"column-9\">mit 20<\/td><td class=\"column-10\">mit 60<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3 odd\">\n\t<td class=\"column-1\">1970<\/td><td class=\"column-2\">66.5<\/td><td class=\"column-3\">69.5<\/td><td class=\"column-4\">74.9<\/td><td class=\"column-5\">73.4<\/td><td class=\"column-6\">75.7<\/td><td class=\"column-7\">78.8<\/td><td class=\"column-8\">69.9<\/td><td class=\"column-9\">72.6<\/td><td class=\"column-10\">76.8<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4 even\">\n\t<td class=\"column-1\">2010<\/td><td class=\"column-2\">77.7<\/td><td class=\"column-3\">78.3<\/td><td class=\"column-4\">81.5<\/td><td class=\"column-5\">83.2<\/td><td class=\"column-6\">83.6<\/td><td class=\"column-7\">85.3<\/td><td class=\"column-8\">80.4<\/td><td class=\"column-9\">81.0<\/td><td class=\"column-10\">83.4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-5 odd\">\n\t<td class=\"column-1\">Zuwachs<\/td><td class=\"column-2\">11.2<\/td><td class=\"column-3\">8.8<\/td><td class=\"column-4\">6.6<\/td><td class=\"column-5\">9.8<\/td><td class=\"column-6\">7.9<\/td><td class=\"column-7\">6.5<\/td><td class=\"column-8\">10.5<\/td><td class=\"column-9\">8.4<\/td><td class=\"column-10\">6.6<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-12 from cache -->\n<p>Die Lebenserwartung bei der Geburt hat also tats\u00e4chlich von 1970 auf 2010 um ca. 10 Jahre zugenommen. Zum Teil ist diese Steigerung aber auf die bis etwa 1985 stark sinkende Kindersterblichkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren und das hat keine unmittelbare Auswirkung auf das Pensionssystem. Im Pensionssystems kommt es auf die Lebenserwartung der Teilnehmer an, also auf die Lebenserwartung aller, die ins Berufsleben eintreten. Daher ist die Lebenserwartung der 20-j\u00e4hrigen relevant f\u00fcr das Pensionssystem. Diese Lebenserwartung hat laut Tabelle um etwa 8.4 Jahre zugenommen. Die Lebenserwartung der 60-j\u00e4hrigen als Grundlage der Berechnungen heranzuziehen w\u00e4re irref\u00fchrend, weil wir dann wieder nur einen Teil der Teilnehmer am System ber\u00fccksichtigen w\u00fcrden. Will man die Gefahren f\u00fcr das Pensionssystem herunterspielen, dann ist diese Lebenserwartung allerdings besser dazu geeignet als die der 0-j\u00e4hringen und der 20-j\u00e4hrigem, weil der Zuwachs von 1970 auf 2010 nur 6.6 Jahre betr\u00e4gt und somit die Verl\u00e4ngerung der Pensionsdauer geringer erscheint.<\/p>\n<p>Jedenfalls kann man auf Grundlage dieser Daten sagen, dass eine vern\u00fcnftige Beschreibung der Pensionsproblematik davon ausgehen kann, dass im Vergleich zu 1970 die durchschnittliche Pensionsdauer um 11.4 Jahre l\u00e4nger ist und dass 3 Jahre davon auf fr\u00fchere Pensionsantritte zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. 3 Jahre sind etwas mehr als ein Viertel von 11.4 Jahren, also ist  etwa ein Viertel der Pensionszeitverl\u00e4ngerung auf den fr\u00fcheren Pensionsantritt zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen mit unseren Daten auch noch weitere Szenarien durchspielen. Wenn wir von einem durchschnittlichen Berufseintrittsalter von 20 Jahren ausgehen, dann war im Jahr 1970 ein Pensionsversicherter 41.1 Jahre aktiv und danach 11.5 Jahre in Pension. Ab Berufseintritt hat er also 78% der Zeit aktiv und 22% der Zeit in Pension verbracht. 2010, bei einem Berufeintrittsalter von 20, einem Pensionsatrittsalter von 58.1 und einer Lebenserwartung von 81.0 betragen die entsprechenden Anteile 63% und 37%. Wenn das Pensionsatrittsalter 2010 statt bei 58.1 bei 67.6 l\u00e4ge, dann w\u00e4re der Anteil  der aktiven Zeit an der gesamten Lebenserwartung wieder 78% (so wie 1970). Wenn die Lebenserwartung auf 84 steigt, dann ist der Aufteilungsschl\u00fcssel 78:22 f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von aktiver Zeit zu Pensionszeit bei einem Pensionsantrittsalter von 70 Jahren erreicht. Ein Pensionsantrittsalter von 75 (wie eben in Norwegen diskutiert wird) ist unter den Rahmenbedingungen von \u00d6sterreich von 1970 erst bei einer Lebenserwartung von 90.5 Jahren notwendig.<\/p>\n<p>In den letzten 20 Jahren ist die Lebenserwartung der 20-j\u00e4hrigen pro Jahrzehnt um 2.2 Jahre gestiegen. Wenn sich dieser Trend unvermindert fortsetzt, dann w\u00fcrden wir die Lebenserwartung von 84 in etwa 12 Jahren erreichen. Will man also die Aufteilung von aktiver Zeit zu Pensionszeit von 1970 mit der Lebenserwartung von 2025 erreichen, dann ist im Jahr 2025 dazu ein Pensionsantrittsalter von 70 Jahren notwendig.<\/p>\n<p>Alle diese Berechnungen erfordern keine h\u00f6here Mathematik, es handelt sich dabei lediglich um etwas kompliziertere Textaufgaben und Schlussrechnungen. Ein wichtiger Aspekt der Analyse ist, dass man sich genau \u00fcberlegen muss, welche von verschiedenen Kennzahlen, die man berechnen kann, das Problem am besten beschreibt. Weder die Lebenserwartung bei der Geburt noch die Lebenserwartung der 60-j\u00e4hrigen &#8222;passt&#8220; als Hauptkennzahl zur Berechnungen zur Pensionsfinanzierung. Sachlich am saubersten ist es, die Lebenserwartung der am System Beteiligten heranzuziehen, und dazu ist die Lebenserwartung der 20-j\u00e4hrigen am ehesten geeignet.<\/p>\n<p>W\u00fcnschenswert w\u00e4re, wenn schon im Lehrstoff in der Schule derartige Berechnungen vorgesehen w\u00e4ren, denn dann k\u00f6nnten viele Leute selber die Konsequenzen verschiedener Massnahmen zur Pensionssicherung \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Ich habe vor ca. 15 Jahren in einer Fortbildungsveranstaltung f\u00fcr Mathematik-Lehrer ein derartiges Projekt bearbeitet. Ein erheblicher Teil dieser Mathematik-Lehrer hat mir in der Nachbesprechung dann gesagt, dass derartige Beispiel im Mathematikunterricht nichts verloren h\u00e4tten, weil es sich ja um ganz konkrete und reale Zahlen handele und derartiges im Mathematikunterricht wohl keinen Platz habe.<\/p>\n<p>Bei den PISA-Aufgaben gibt es einen Block von Mathematik-Aufgaben, der sich mit der Interpretation von Bev\u00f6lkerungspyramiden besch\u00e4ftigt. Bei diesen Aufgaben schneidet \u00d6sterreich im Vergleich mit anderen L\u00e4ndern besonders schlecht ab.<\/p>\n<p>Vielleicht hat die Tatsache, dass in der \u00f6ffentlich stattfindenden Pensionsdiskussion immer noch zu wenig \u00fcber die zahlenm\u00e4ssigen Konsequenzen verschiedener m\u00f6glicher Tatsachen diskutiert wird, auch mit der beschriebenen Einstellung mancher Mathematiklehrer und dem daraus resultierenden Mangel an Kenntnissen zu einfachen Berechnungen zur Pensionsproblematik zu tun.<\/p>\n<div class=\"tweet_button122\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2012\/02\/15\/wann-gehen-wir-in-pension-und-wie-lange-bleiben-wir-in-pension\/\" data-text=\"Wann gehen wir in Pension und wie lange bleiben wir in Pension - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im profil Nr 7\/2012 vom 13. 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