{"id":1721,"date":"2016-02-10T00:38:14","date_gmt":"2016-02-09T23:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=1721"},"modified":"2016-02-10T02:30:35","modified_gmt":"2016-02-10T01:30:35","slug":"das-wetter-das-prozentrechnen-und-die-statistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2016\/02\/10\/das-wetter-das-prozentrechnen-und-die-statistik\/","title":{"rendered":"Das Wetter, das Prozentrechnen und die Statistik"},"content":{"rendered":"<p>Ich hab schon viel groben Unfug in Tageszeitungen gelesen, aber es gibt immer noch \u00dcberraschungen, die man nicht f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. <\/p>\n<p>In der der Ausgabe der <a href=\"http:\/\/www.neuwirth.priv.at\/forblogs\/oe24-temperatur-20160208.pdf\">Tageszeitung \u201e\u00f6sterreich\u201c vom 8.2.2016 findet man Folgendes<\/a> (man beachte die eingeringelten Stellen):<\/p>\n<blockquote><p>J\u00e4nner war 337% w\u00e4rmer als \u00fcblich\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass die Wiener Durchschnittstemperatur im J\u00e4nner 2016 3,5 Grad betragen hat. Dieser Wert wird mit einem nicht n\u00e4her spezifizierten Wert von 0,8 Grad verglichen. Dieser Wert ist vielleicht ein langj\u00e4hriger Durchschnittswert, das wird aber nicht angegeben, und nat\u00fcrlich auch nicht, f\u00fcr welchen Zeitraum das ein Durchschnittswert sein soll.<\/p>\n<p>H\u00e4tte man in New York dieselben Werte auf der dort \u00fcblichen Fahrenheit-Skala gemessen, dann w\u00e4ren die 3,5 Grad Celsius als 38,3 Grad Fahrenheit und die 0,8 Grad Celsius als 33,4 Grad Fahrenheit angegeben worden. Da w\u00e4re die Temperatur von 2016 also um 14% h\u00f6her als im langj\u00e4hrigen Durchschnitt.<\/p>\n<p>Was stimmt jetzt, 337% oder 14%? <\/p>\n<p>Beides ist grober Unfug.<\/p>\n<p>Es ist bei Temperaturen einfach sinnlos, von \u201edoppelt so viel\u201c oder von \u201eum x% mehr\u201c zu sprechen, weil Temperatur auf verschiedenen Skalen (beispielsweise Celsius und Fahrenheit) gemessen werden kann und diese Skalen nicht denselben Nullpunkt haben.<\/p>\n<p>Was man tun kann (und die <a href=\"http:\/\/zamg.ac.at\/histalp\/dataset\/station\/csv.php\">Daten dazu gibts beispielsweise hier<\/a>), ist festzustellen, dass in den 50 Jahren vor 2016 (1966-2015) die J\u00e4nnerdurchschnittstemperatur in Wien 5x h\u00f6her und 45x geringer war. Diese Angabe stimmt auch dann, wenn man die Temperaturen in Fahrenheit misst! Und man sieht, dass derartig hohe Durchschnittstemperaturen immer wieder einmal vorgekommen sind.<\/p>\n<p>Ein bisschen Theorie dazu:<br \/>\nDie Statistik unterscheidet zwischen Verh\u00e4ltnisskalen und Intervallskalen. Bei Verh\u00e4ltnisskalen ist es sinnvoll, von<br \/>\n\u201eum x% mehr\u201c oder von \u201edoppelt so viel\u201c zu sprechen. Preise, Geschwindigkeiten und Zeitdauern sind Beispiele f\u00fcr Verh\u00e4ltnisskalen. Bei Intervallskalen kann man zwar die Werte selbst nicht vergleichen, wohl aber Differenzen von Werten. Temperaturen sind ein klassischer Fall f\u00fcr Intervallskalen. Auch die Punkteskala beim PISA-Test ist eine Intervallskala (aber das hat sich <a href=\"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/bildungsstandards-und-pisa-aufgaben\/\">nicht bis zu allen damit Befassten herumgesprochen<\/a>). <\/p>\n<p>Wenn sie das genauer interessiert, dann finden sie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Skalenniveau\">in der Wikipedia entsprechende Artikel<\/a>.<\/p>\n<p>Und wenn die Zahl \u201e337%\u2026 auch sachlich sinnlos ist, enth\u00e4lt sie noch einen weiteren Denkfehler.<br \/>\nDie 0,8 Grad sind ja gerundet. Auch 0,75 Grad oder 0,849 Grad erg\u00e4ben gerundet noch 0,8 Grad. Ebenso k\u00f6nnte der gerundete Wert von 3,5 auch durch Rundung aus einer Messung von 3,45 Grad oder auch 3,549 Grad entstanden sein.<\/p>\n<p>W\u00e4ren die beiden Werte 3,45 und 0,849 Grad, dann betr\u00fcge der Zuwachs 306%, w\u00e4ren die Werte 3,549 Grad und<br \/>\n0,75 Grad, dann betr\u00fcge der Zuwachs 373%. In Rahmen der Messgenauigkeit kann man also eigentlich nur sagen, dass<br \/>\nder \u201eZuwachs\u201c zwischen 300% und 380% liegt.<\/p>\n<p>Der Artikel schafft es also, gleich zwei fundamentale Fehler beim Umgang mit Zahlen zu machen. Er zeugt vor allem von einem totalen Missverst\u00e4ndnis davon, in welcher Form Zahlen etwas \u00fcber die Wirklichkeit aussagen k\u00f6nnen.<br \/>\nZus\u00e4tzlich zeigt er auch, dass der_die Autor_in keine Ahnung davon hat, welche Genauigkeit beim Ergebnis von Rechenoperationen sinnvollerweise angegeben werden kann.<\/p>\n<p>\u00c4rgerlich an der Sache ist auch, dass das in einer Zeitung geschieht, die nur durch Werbung finanziert wird, denn diese Werbung wird teilweise aus Steuermitteln bezahlt. Und damit habe ich als Steuerzahler diesen Unfug mitfinanziert.<\/p>\n<p>Wenn diese Zeitung dann noch Ratschl\u00e4ge zur Bildungspolitik erteilt sind wir in einer Zwischenzone zwischen kafkaesk und herzmanovsky-orlandisch.<\/p>\n<div class=\"tweet_button108\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2016\/02\/10\/das-wetter-das-prozentrechnen-und-die-statistik\/\" data-text=\"Das Wetter, das Prozentrechnen und die Statistik - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab schon viel groben Unfug in Tageszeitungen gelesen, aber es gibt immer noch \u00dcberraschungen, die man nicht f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. 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