{"id":1605,"date":"2015-03-30T21:52:22","date_gmt":"2015-03-30T19:52:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=1605"},"modified":"2015-03-31T01:01:24","modified_gmt":"2015-03-30T23:01:24","slug":"geschlechterunterschiede-bildung-und-pisa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2015\/03\/30\/geschlechterunterschiede-bildung-und-pisa\/","title":{"rendered":"Geschlechterunterschiede, Bildung und PISA"},"content":{"rendered":"<p>Die OECD hat unl\u00e4ngst &#8211; im Zusammenhang mit dem Welttag der Frauen &#8211; Auswertungen \u00fcber Geschlechterunterschiede bei der PISA-Studie ver\u00f6ffentlicht. In \u00d6sterreich wurde am meisten kommentiert, dass sich die Schere zwischen den Geschlechtern seit 2003 am st\u00e4rksten von allen L\u00e4ndern ge\u00f6ffnet hat. In Mathematik sind die M\u00e4dchen merkbar  schlechter als die Buben, und der Unterschied hat laut OECD von 2003 auf 2012 in keinem Land so stark zugenommen wie in \u00d6sterreich. Der Unterschied ist tats\u00e4chlich ziemlich gro\u00df, ca. 20 PISA-Punkte. Das gilt aber f\u00fcr alle 4 PISA-Erhebungen au\u00dfer der von 2003.<br \/>\nWeitaus weniger wurde thematisiert, dass beim Lesen die Buben weitaus schlechter sind als die M\u00e4dchen, und dass der Unterschied da etwa doppelt so gro\u00df ist wie bei Mathematik; die M\u00e4dchen sind um ca. 40 PISA-Punkte besser. Ausnahme 2003: Da sind (laut OECD) die M\u00e4dchen sogar um 47 Punkte besser.<br \/>\nDer anscheinend beobachtete extreme Zuwachs beim Mathematik-Unterschied beruht ganz entscheidend auf der Verankerung an den Ergebnissen von 2003.<br \/>\nZieht man alle PISA-Untersuchungen (also vor und nach 2003) in Betracht, dann stellt sich heraus, dass sowohl beim Lesen als auch bei Mathematik die Geschlechterunterschiede bei PISA 2003 merkbar anders als zu den anderen Erhebungszeitpunkten sind. Das legt den Verdacht nahe, dass 2003 irgend etwas bei der Datenerfassung atypisch war. Und so war es auch.<br \/>\nBei PISA 2003 gabs ein Problem mit der Zusammensetzung der Sch\u00fcler. Einige der als Zufallsstichprobe ausgew\u00e4hlten AHS hatten  deutlich mehr M\u00e4dchen als Buben; es gibt n\u00e4mlich in \u00d6sterreich &#8211; anders als in vielen anderen L\u00e4ndern &#8211; immer noch Schulen, in die entweder sehr viel mehr M\u00e4dchen als Buben oder umgekehrt gehen.<br \/>\nAHS-Sch\u00fclerinnen sind die besten Leser in der gesamten PISA-Stichprobe, und sie sind auch in Mathematik die beste Gruppe unter den M\u00e4dchen. Und sie waren in der Stichprobe \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Daher hatten die M\u00e4dchen bessere PISA-Ergebnisse als es der tats\u00e4chlichen Zusammensetzung der gesamten Sch\u00fclerpopulation entspricht. Analog hatten die Buben in der PISA-Stichprobe etwas schlechtere Ergebnisse. Buben sind in Mathematik besser als M\u00e4dchen; da es besonders viele gute M\u00e4dchen gegeben hat wurde der Geschlechterabstand im Vergleich zum &#8222;realen&#8220; Wert verkleinert. Im Lesen sind die M\u00e4dchen besser als die Buben, und die besonders guten M\u00e4dchen waren noch \u00fcberrepr\u00e4sentiert, daher war der Stichprobenabstand beim Lesen gr\u00f6\u00dfer als real. Dieser Effekt tritt nur bei den Werten f\u00fcr 2003 auf, die Werte vorher und nachher sind alle ann\u00e4hernd gleich. Ein Auseinanderdriften der Leistungen in Mathematik l\u00e4sst sich, wenn man alle Daten betrachtet, nicht ableiten. Die OECD kennt die Verzerrung der Stichprobe, Andreas Schleicher (oberster PISA-Verantwortlicher) hat das Vorwort zu dem Buch verfasst, in dem wir (eine \u00f6sterreichische Arbeitsgruppe von Statistikern) die Probleme von PISA 2003 (und auch 2000) analysiert und Vorschl\u00e4ge zur Korrektur gemacht haben. Verwendet man die korrigierten Werte f\u00fcr 2003, dann wird der Abstand beim Lesen kleiner und in Mathematik gr\u00f6\u00dfer und die Abst\u00e4nde bleiben \u00fcber alle PISA-Erhebungen hinweg ziemlich konstant.<br \/>\nBemerkenswert ist auch, dass die Tatsache, dass der Geschlechterunterschied im Lesen (zu Ungunsten der der Buben) ca. doppelt so gro\u00df ist wie der in Mathematik (zu Ungunsten der M\u00e4dchen), kaum thematisiert wird. Bei beiden Problemen sollte dringendst etwas geschehen. \u00d6sterreich geh\u00f6rt n\u00e4mlich in Mathematik jedes Mal zu den L\u00e4ndern mit dem gr\u00f6\u00dften Geschlechterabstand. Beim Lesen ist der Geschlechterunterschied im Vergleich zu vielen anderen L\u00e4ndern ebenfalls gro\u00df, in Finnland gibt es aber zum Beispiel einen weitaus gr\u00f6\u00dferen Geschlechterabstand beim Lesen als in \u00d6sterreich, bei PISA 2012 etwa 60 Punkte.<br \/>\nWas bedeuten eigentlich diese PISA-Punkte? St\u00e4ndig wird damit argumentiert, aber kaum jemand kann sich etwas darunter vorstellen. Diese Punkte stehen in einer mathematischen Beziehungen mit L\u00f6sungswahrscheinlichkeiten von Aufgaben mit bestimmtem Schwierigkeitsgrad. Wenn die M\u00e4dchen um 40 Punkte besser lesen als die Buben, dann hei\u00dft das, dass eine Aufgabe, die 50% der Buben l\u00f6sen, von 62% der M\u00e4dchen gel\u00f6st wird. Wenn die Buben in Mathematik um 20 Punkte besser abschneiden, dann hei\u00dft das, dass eine Aufgabe, die 50% der M\u00e4dchen l\u00f6sen, von 56% der Buben gel\u00f6st wird. 10 PISA-Punkte entsprechen also bei einer mittleren L\u00f6sungswahrscheinlichkeit (etwa 50%) einem Unterschied von etwa 3%.<br \/>\nDie Ergebnisse von PISA zeigen, dass wir  in \u00d6sterreich betr\u00e4chtliche Unterschiede zwischen Buben und M\u00e4dchen haben, dass das aber vielleicht sogar eher zu Lasten der Buben als zu Lasten der M\u00e4dchen geht.<br \/>\nDiese Unterschiede sind \u00fcber alle PISA-Perioden hinweg ziemlich konstant; es scheint sich also um systemimmanente Probleme zu handeln. Das hei\u00dft, dass es wahrscheinlich keine Schnellreparatur gibt. Umso mehr sollten wir uns anstrengen, die Ursachen genauer zu kl\u00e4ren und dann entsprechende Strategien zur Reduktion der Unterschiede zu entwickeln.<\/p>\n<p>Falls sie das selber genauer analysieren wollen:<br \/>\nEine <a href=\"https:\/\/onedrive.live.com\/redir?resid=495062cf0d0db8fb!918&#038;authkey=!AAo1LeO7-T0Mb0w&#038;ithint=file%2cxlsx\">Excel-Datei<\/a> mit den urspr\u00fcnglichen und den korrigierten Werten gibts <a href=\"https:\/\/onedrive.live.com\/redir?resid=495062cf0d0db8fb!918&#038;authkey=!AAo1LeO7-T0Mb0w&#038;ithint=file%2cxlsx\">hier zum Download<\/a>.<\/p>\n<p>Eine <a href=\"https:\/\/www.bmbf.gv.at\/schulen\/sb\/pisa_korrekturen.html\">Beschreibung unseres Buches<\/a> und links zu den Daten, mit denen die Korrekturen durchgef\u00fchrt wurden, gibts <a href=\"https:\/\/www.bmbf.gv.at\/schulen\/sb\/pisa_korrekturen.html\">hier<\/a>.<\/p>\n<div class=\"tweet_button102\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2015\/03\/30\/geschlechterunterschiede-bildung-und-pisa\/\" data-text=\"Geschlechterunterschiede, Bildung und PISA - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die OECD hat unl\u00e4ngst &#8211; im Zusammenhang mit dem Welttag der Frauen &#8211; Auswertungen \u00fcber Geschlechterunterschiede bei der PISA-Studie ver\u00f6ffentlicht. 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