{"id":1430,"date":"2015-01-20T11:22:00","date_gmt":"2015-01-20T10:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=1430"},"modified":"2015-01-20T11:22:00","modified_gmt":"2015-01-20T10:22:00","slug":"statistik-und-politik-wie-aussagekraeftig-sind-meinungsumfragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2015\/01\/20\/statistik-und-politik-wie-aussagekraeftig-sind-meinungsumfragen\/","title":{"rendered":"Statistik und Politik &#8211; wie aussagekr\u00e4ftig sind Meinungsumfragen"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland versucht man gerade, mit verschiedenen Mitteln den Motiven der PEGIDA-Demonstranten auf die Spur zu kommen. Eines dieser Mittel ist Statistik in Form von Stichprobenbefragungen.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich will der Wissenschaftsminister (der auch Vizekanzler und Wirtschaftsminister ist) belegen, dass die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung mit vielen Aspekten der Wissenschaftspolitik zufrieden ist. Auch das geschieht mit einer Stichprobenbefragung.<\/p>\n<p>Zu PEGIDA gab es eine <a href=\"http:\/\/tu-dresden.de\/aktuelles\/news\/pegida_pk\">Pressekonferenz der TU-Dresden<\/a> mit einer auch <a href=\"http:\/\/tu-dresden.de\/aktuelles\/news\/Downloads\/praespeg\">am Web verf\u00fcgbaren Pr\u00e4sentation<\/a>. <\/p>\n<p>In dieser Pr\u00e4sentation finden man folgende als zentrales Ergebnis ausgewiesene Aussage:<\/p>\n<blockquote><p>Der \u201etypische\u201c PEGIDA-Demonstrant entstammt der Mittelschicht, ist gut ausgebildet, berufst\u00e4tig, verf\u00fcgt \u00fcber ein f\u00fcr s\u00e4chsische Verh\u00e4ltnisse leicht \u00fcberdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist 48 Jahre alt, m\u00e4nnlich, geh\u00f6rt keiner Konfession an, weist keine Parteiverbundenheit aus und stammt aus Dresden oder Sachsen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf der angegebenen Webseite gibt es auch ein <a href=\"http:\/\/tu-dresden.de\/aktuelles\/news\/Downloads\/methodik\">Dokument, das die Methodik der Untersuchung beschreibt<\/a>. Darin liest man, dass die Umfrage an 3 verschiedenen Tagen durchgef\u00fchrt wurde, und dass etwa 2\/3 der Befragten die Antworten verweigert haben. \u00dcberhaupt nicht eingegangen wird auf die M\u00f6glichkeit, dass da einzelne Befragte mehrfach geantwortet haben, was wegen der drei Fragezeitpunkte ja m\u00f6glich w\u00e4re. <\/p>\n<p>Wenn man als Statistiker in der Methodenbeschreibung dann liest<\/p>\n<blockquote><p>Gewisse Verzerrungen sind theoretisch nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p><\/blockquote>\n<p>dann wundert man sich doch. Bei einer derartigen Befragung davon auszugehen, dass sie unverzerrt sein k\u00f6nnte ist ziemlich wagemutig! <\/p>\n<p>Derartige Befragungen haben schon eine Berechtigung. Sie f\u00f6rdern bei einer Problemstellung, wo es noch keinen gesicherten Wissensstand gibt, anekdotische Evidenz \u00fcber m\u00f6gliche Motive zutage. Sie lassen aber in keinem Fall Aussagen \u00fcber die statistische Zusammensetzung der Demonstranten zu. Wenn man die Ergebnisse dann mit Formulierungen wie <em>der \u201etypische\u201c PEGIDA-Demonstrant<\/em>  pr\u00e4sentiert, dann verl\u00e4\u00dft man jedoch den Boden der wissenschaftlichen Sauberkeit! <\/p>\n<p>In der<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2015-01\/pegida-studien-proteste-umfrage-ergebnisse-rucht\"> Zeit ist ein Artikel<\/a> erscheinen, der diese methodisch-statistischen Fragen recht sauber darstellt.<\/p>\n<p>Und jetzt nach \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Vizekanzler und Wissenschaftsministern Mitterlehner hat den <a href=\"http:\/\/www.bmwfw.gv.at\/Presse\/AktuellePresseMeldungen\/Seiten\/Mitterlehner-\u00d6sterreicher-f\u00fcr-Ausbau-der-Wissensgesellschaft.aspx\">Wissenschaftsmonitor pr\u00e4sentiert<\/a>.<\/p>\n<p>Da geht es um die Einsch\u00e4tzung von Wissenschaftsthemen und Studienbedingungen in der Bev\u00f6lkerung. Eine <a href=\"http:\/\/www.bmwfw.gv.at\/Presse\/AktuellePresseMeldungen\/Documents\/Pr\u00e4sentation_Wissenschaftsmonitor.pdf\">Zusammenfassung der Ergebnisse gibts als Download<\/a>.<\/p>\n<p>In dieser Zusammenfassung liest man, dass die maximale Schwankungsbreite 3,1% betr\u00e4gt. Man liest auch, dass die Umfrage \u00fcber <a href=\"http:\/\/meinungsraum.at\">meinungsraum.at<\/a> durchgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Auf dieser Website findet man auch eine <a href=\"http:\/\/meinungsraum.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Panelbeschreibung-meinungsraum.at_.pdf\">Beschreibung der Methodik<\/a>.<\/p>\n<p>Darin steht, dass die Befragungen an einer Stichprobe aus dem meinungsraum-Panel durchgef\u00fchrt werden. Dieses Panel ist aber keine klassische Stichprobe aus der Grundgesamtheit aller erwachsenen \u00d6sterreicher. Panel-Teilnehmer werden \u00fcber Websites oder telefonisch rekrutiert. Sie m\u00fcssen sich bereit erkl\u00e4ren, eine oder mehrere Befragungen mitzumachen. Diese Gruppe ist &#8211; was Interesse an politischen oder anderen \u00f6ffentlich relevanten Fragen betrifft &#8211; sicher nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung. Die angegebene Schwankungsbreite soll aber den Eindruck erwecken, dass die Anteile in der Gesamtbev\u00f6lkerung nicht weiter von den Stichprobenanteilen abweichen. Aus der Sicht der statistischen Methodik kann man damit aber bei einer derartigen \u201eStichprobenziehung\u201c nicht rechnen. Die Werte liefern m\u00f6glicherweise ein Meinungsbild, aber methodisch abgesicherte Schwankungsbreiten kann man wohl kaum zuverl\u00e4ssig ermitteln.<\/p>\n<p>Noch ein interessantes Detail gibt es. In der Beschreibung der Methodik von meinungsraum.at findet man folgende Frage (samt Antwort).<\/p>\n<blockquote><p>8. Wird das Panel ausschlie\u00dflich f\u00fcr Marktforschungszwecke eingesetzt?<br \/>\nJa.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Seit wann geh\u00f6ren Fragen nach der Einsch\u00e4tzung des Wissenschaftsstandorts \u00d6sterreich zur Markforschung?<\/p>\n<p>Wie sinnvoll die Absicht ist, die gesamte \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung zu Thmen der Wisssenschaftspolitik wie etwa <\/p>\n<blockquote><p>Wie w\u00fcrden Sie \u00d6sterreich als Standort f\u00fcr Wissenschaft und Forschung beurteilen?<\/p><\/blockquote>\n<p>unabh\u00e4ngig von Informationen \u00fcber den entsprechenden Wissensstand der Befragten zu befragen, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Um dieses Vorgehen einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen sind aber keine statistischen Spezialkenntnisse notwendig.<\/p>\n<div class=\"tweet_button125\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2015\/01\/20\/statistik-und-politik-wie-aussagekraeftig-sind-meinungsumfragen\/\" data-text=\"Statistik und Politik - wie aussagekr\u00e4ftig sind Meinungsumfragen - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland versucht man gerade, mit verschiedenen Mitteln den Motiven der PEGIDA-Demonstranten auf die Spur zu kommen. Eines dieser Mittel ist Statistik in Form von Stichprobenbefragungen. 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