{"id":1418,"date":"2014-10-15T18:20:58","date_gmt":"2014-10-15T16:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/?p=1418"},"modified":"2014-10-15T18:27:48","modified_gmt":"2014-10-15T16:27:48","slug":"die-zwei-kulturen-und-was-in-oesterreich-daraus-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2014\/10\/15\/die-zwei-kulturen-und-was-in-oesterreich-daraus-wird\/","title":{"rendered":"Die zwei Kulturen &#8211; und was in \u00d6sterreich daraus wird"},"content":{"rendered":"<p>Der englische Wissenschafter C.P. Snow hat 1959 einen sehr beachteten Vortrag mit dem Titel \u201eThe two Cultures\u00a8 gehalten. Dieser Vortrag wurde danach auch in gedruckter Form publiziert. Es geht darin um die kulturellen Unterschiede zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften. Im Englischen spricht man \u00fcbrigens von Science und Humanities. Wenn ein Teil der Wissenschaften im deutschsprachigen Raum f\u00fcr sich in der Namensgebung den Geist beansprucht und ihn damit den anderen F\u00e4chern abspricht, dann ist das eigentlich beleidigend. Ein sehr gesch\u00e4tzter Kollege meint daher, dass die Bezeichnung Buchwissenschaften eigentlich treffender w\u00e4re, weil die von diesen Wissenschaften untersuchten Gegenst\u00e4nde haupts\u00e4chlich in B\u00fcchern zu finden w\u00e4ren.<br \/>\nAber das ist eine andere Geschichte.<br \/>\nSehr deutlich in Erinnerung gerufen hat mir diese Geschichte der <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000006792723\/Geld-allein-forscht-nicht\">Artikel von Klaus H\u00f6dl<\/a> im standard vom 13. Oktober. Dort liest man \u201eNoch nie habe ich geh\u00f6rt, dass eine Ver\u00f6ffentlichung in einem englischsprachigen Peer-Review-Journal f\u00fcr den Erhalt einer Anstellung auch nur die geringste Rolle gespielt h\u00e4tte\u201d.<br \/>\nIn den Naturwissenschaften (und dazu z\u00e4hlen wir der Einfachheit halber einmal auch Mathematik, Statistik und Informatik) ist derartiges n\u00e4mlich mittlerweile auch in \u00d6sterreich das wichtigste Kriterium f\u00fcr den Verlauf einer wissenschaftlichen Karriere. Wie extrem anders hier die wissenschaftlichen Kulturen bewerten m\u00f6chte ich auch mit einer pers\u00f6nlichen Anekdote illustrieren:<br \/>\nIch habe (gemeinsam mit einem US-Koautor) ein einigerma\u00dfen erfolgreiches Buch geschrieben. Das Buch ist 2009 erschienen und war bei der Vorstellung beim gr\u00f6\u00dften US-Statistik-Kongress ein ziemlicher Renner.<br \/>\nDer Verlag (Springer, einer der renommiertesten Verlage im Bereich der Naturwissenschaften) ist daraufhin mit uns beiden Autoren sehr pfleglich umgegangen. Und dann denkt man sich als naiver Naturwissenschafter, dass so ein erfolgreiches Werk in der eigenen Fakult\u00e4t Ansehen bringen sollte.<br \/>\nZu dieser Zeit wurde an der Universit\u00e4t Wien den Fakult\u00e4ten vom Rektorat verordnet, dass sie Bewertungskriterien f\u00fcr wissenschaftliche Publikationen aufzustellen hatten, und dass ein Teil der einzelnen Forschungsgruppen zugeteilten Ressourcen an die  nach diesen Kriterien bewerteten Forschungserfolge gebunden werden sollte. Meine Fakult\u00e4t (die Fakult\u00e4t f\u00fcr Informatik) hat sich damals selbst ein dreistufiges Bewertungsschema verordnet. A-wertige Publikationen waren vor allem Artikel in englischsprachigen Fachzeitschriften, B-wertig waren vor allem Beitr\u00e4ge in Proceedings (Sammelb\u00e4nden der Kongressbeitr\u00e4ge) von angesehenen Konferenzen; alles andere war C-wertig. B\u00fccher waren also automatisch nur C-wertig, d.h. unter &#8222;au\u00dferdem gibts da noch, ist aber nicht wirklich wichtig&#8220; kategorisiert. Diese Bewertungsregeln wurden uns nicht von oben verordnet, die hat meine Fakult\u00e4t selbst aufgestellt. Andere Fakult\u00e4ten haben sich damals andere Regeln verordnet. Bei den &#8222;Geisteswissenschaften&#8220; wurden B\u00fccher in renommierten Verlagen als A-wertig eingestuft! Da die Anzahl der A-wertigen Publikationen auch beim Vergleich zwischen den Fakult\u00e4ten und damit bei der Ressourcenzuteilung eine Rolle spielt, konnte ich die Kollegen an meiner Fakult\u00e4t dann doch davon \u00fcberzeugen, dass erfolgreiche B\u00fccher in renommierten Verlagen doch nicht ganz gleich wie ein Artikel im wissenschaftlichen \u00c4quivalent eines Lokalblattes bewertet werden sollten und meine Fakult\u00e4t erweiterte das Klassifikationsschema f\u00fcr Publikationen. Neben der Einstufung A-wertig kam die Einstufung Ae-wertig dazu. Das e bedeutet extern, und gemeint war, dass eine Publikation, die nach den Kriterien einer anderen Fakult\u00e4t A-wertig w\u00e4re, an unserer Fakult\u00e4t als Ae-wertig eingestuft wurde. Ae war (und ist nach wie vor) h\u00f6herwertig als B! Ebenso kam die Einstufung Be-wertig (also B-wertig nach<br \/>\nden Kriterien einer anderen Fakult\u00e4t) dazu. Be lag (und liegt) zwischen B und C. Damit waren also f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr B\u00fccher h\u00f6her bewertet als vorher, und mein Buch w\u00e4re nach diese Kriterien als Ae-wertig eingestuft worden. R\u00fcckwirkend<br \/>\nwurde die entsprechende Regelung aber nicht in Kraft gesetzt. Somit brachte mir mein Buch keinen unmittelbaren Vorteil in der fakult\u00e4tsinternen Konkurrenz um Ressourcen.<br \/>\nUnd dann geschah etwas Unvorhergesehenes. Mein Verlag stellte eine Nachfrage nach einer japanischen \u00dcbersetzung meines Buches fest. Die erschien dann auch im folgenden Jahr. Und damit hatte ich eine Ae-wertige Publikation! Das Buch selbst war nach den<br \/>\ndamals aktuellen Kriterien meiner Fakult\u00e4t nichts Besonderes, aber die japanische \u00dcbersetzung, die ich selber nicht einmal sinnverstehend lesen konnte, brachte meiner Forschungsgruppe zus\u00e4tzliche Ressourcen!<br \/>\nWas hat das mit dem Kommentar von Herrn H\u00f6dl zu tun? Meine Erfahrungen zeigen (glaube ich zumindest), dass kurzfristig erstellte Bewertungsma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit sehr stark von standortspezifischen Kriterien und von der gerade aktuellen Kultur der einzelnen F\u00e4cher gepr\u00e4gt werden. Sie zeigen aber auch, dass es kein absolut hoffnungsloses Unterfangen ist, zu versuchen, Kollegen zum \u00dcber-den-Tellerrand-Schauen anzuregen. Die Diskussion dar\u00fcber, dass andere Fakult\u00e4ten andere Kriterien erarbeitet hatten, hat letztendlich doch zu einer Adaption unserer Kriterien gef\u00fchrt. Wir waren tats\u00e4chlich imstande, von anderen Disziplinen zu lernen. Unter anderem auch, weil wir bei der Mittelvergabe in Konkurrenz zu den anderen Disziplinen stehen.<br \/>\nDie zwei Kulturen spielen \u00fcbrigens nicht nur bei den Bewertungsma\u00dfst\u00e4ben eine Rolle. Man sollte sie auch beim Entwurf und bei der Implementation von computergest\u00fctzten Lernumgebungen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen. Zu glauben, man k\u00f6nne an einer Universit\u00e4t die Vielfalt ihrer Disziplinen und die damit einhergehenden Lernkulturen mit einer einheitlichen Lernumgebung unterst\u00fctzen, geh\u00f6rt wohl ins Reich der Utopien.<\/p>\n<div class=\"tweet_button114\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" rel=\"nofollow\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/blogs.neuwirth.priv.at\/bildungundstatistik\/2014\/10\/15\/die-zwei-kulturen-und-was-in-oesterreich-daraus-wird\/\" data-text=\"Die zwei Kulturen - und was in \u00d6sterreich daraus wird - Bildung und Statistik\" data-count=\"vertical\" data-lang=\"de\" data-via=\"neuwirthe\"  data-related=\"\"><\/a><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der englische Wissenschafter C.P. 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